An(ge)dacht April / Mai 2026

„Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!“

Mit diesem uralten Ostergruß beginnt seit Jahrhunderten das Fest, das unser Christsein im Innersten ausmacht. Ostern ist mehr als ein Frühlingsfest, mehr als blühende Gärten und hellere Tage. Ostern ist Gottes Antwort auf alles, was uns niederdrückt. Ostern ist Gottes entschiedenes Ja zum Leben.
Wir gehen in dieses Osterfest hinein in einer Zeit, die viele von uns als herausfordernd erleben. Die Welt wirkt unruhig. Nachrichten von Kriegen, politischen Spannungen, wirtschaftlichen Sorgen und gesellschaftlichen Spaltungen begleiten unseren Alltag. Auch im Persönlichen tragen viele schwere Lasten: Krankheit, Abschied, Unsicherheit, Fragen nach der Zukunft. Manche fühlen sich müde, andere
ratlos, wieder andere zornig oder resigniert.
Mitten in diese Wirklichkeit hinein klingt die Osterbotschaft. Sie blendet das Leid nicht aus. Der Weg zum leeren Grab führt über Karfreitag. Das Kreuz steht nicht am Rand unserer Geschichte, sondern im Zentrum. Doch es bleibt nicht das letzte Wort. Das Grab ist leer. Wir erleben es wieder in der Osternacht, wenn das Licht, das den Auferstandenen symbolisiert, in die dunkle Kirche hineingetragen wird. Jesus ist Sieger mit dem neuen Leben über den Tod.
Das Leben hat gesiegt.
Die ersten Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung waren keine triumphierenden Heldinnen und Helden. Es waren verunsicherte, trauernde Menschen. Sie sind Jesus nachgefolgt, große Hoffnungen hatten sie dadurch gehabt, die nun zerbrochen waren. Gerade ihnen begegnet der Auferstandene. Nicht in Machtgesten, sondern in seinem Nahesein. Er spricht ihren Namen. Er geht ein Stück Weg mit ihnen. Er isst mit ihnen. Ostern beginnt im Dunkel und leise – doch verändert es die ganze Welt.
Vielleicht ist das gerade heute wichtig: Ostern geschieht nicht spektakulär, sondern oft unscheinbar. Es geschieht dort, wo Menschen einander beistehen, füreinander da sind. Wo Versöhnung gewagt und Schritte aufeinander zugegangen werden. Wo jemand nicht aufgibt. Wo Vertrauen stärker ist als Angst. Wo Hoffnung neu keimt – manchmal ganz zart.
Wir erleben auch in unserer Gemeinde beides: die Zerbrechlichkeit und das neue Leben. Wir nehmen Abschied von liebgewordenen Menschen. Wir ringen um Lösungen in einer Zeit knapper werdender Ressourcen. Gleichzeitig dürfen wir erleben, wie Gemeinschaft trägt: in Gottesdiensten, in Gruppen und Kreisen, in Gesprächen am Gartenzaun, bei Besuchen und in der stillen Fürbitte füreinander.
Gerade in einer Zeit, in der vieles im Wandel ist – auch Kirche selbst –, stellt uns Ostern die entscheidende Frage: Worauf bauen wir unsere Hoffnung? Auf Strukturen? Auf Sicherheiten? Oder auf den, der sagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“?
Die Auferstehung Jesu ist kein Vertrösten auf ein fernes Jenseits. Sie ist Kraftquelle für das Hier und Jetzt, für ein Leben mitten im Alltag. Wer an die Auferstehung glaubt, kann anders leben. Mutiger. Freier.
Barmherziger. Wir dürfen darauf vertrauen: Gott ist stärker als alles, was uns Angst macht. Seine Zukunft ist größer als unsere Vorstellungen.
Vielleicht braucht es in diesem Jahr besonders diesen österlichen Trotz: Wir glauben an das Leben – gerade weil wir wissen, wie zerbrechlich es ist. Wir halten an der Hoffnung fest – eben weil so vieles
dagegenspricht. Wir feiern Ostern – nicht, weil alles gut ist, sondern weil Gott es gut
machen will.
Möge dieses Osterfest uns neu ausrichten.
Möge es unsere Herzen öffnen für das Licht, das stärker ist als jede Dunkelheit.
Möge es uns verbinden – mit Gott und dem Leben.
Und möge die Freude über das leere Grab uns Kraft schenken für die Aufgaben, die vor uns liegen.

Ihr
Alexander Kail
Prädikant