An(ge)dacht Juni / Juli 2026

„Gerechtigkeit, das ist mein Thema, wusste ich lange Zeit gar nicht!“
Dieser Satz fiel neulich im Seniorenkreis in Bruck, zu dem sich Mitglieder beider Gemeinden alle zwei Wochen montagnachmittags treffen.
Gerechtigkeit war nicht das Thema des Nachmittags, aber in einem Gespräch kam es offenbar auf. Es ist ein allgemein menschliches Thema, kein genuin christliches oder kirchliches. Schon kleine Kinder fragen danach und haben ein Gespür dafür, was gerecht ist und was nicht.
Zum Beispiel hatte ich einmal ein Mädchen im Religionsunterricht der 1. Klasse, das furchtbar schüchtern und ängstlich war. Daher durfte es als einziges Kind während des Unterrichts immer direkt neben der Lehrkraft sitzen, so auch bei mir in Reli. Die anderen Kinder wussten das, es war mit ihnen ausführlich besprochen worden. Ein später dazu gekommenes, neues Mädchen in der Klasse beschwerte sich aber prompt: Das sei ungerecht, dass nur das eine Mädchen neben der Lehrerin sitzen durfte, sie wolle das auch! Da redeten wir also darüber, dass Gerechtigkeit nicht zwangsläufig in gleicher Behandlung besteht. Eine große Sache hatten wir da gelassen ausgesprochen. In der Klasse war der Frieden wiederhergestellt, das neue Mädchen hatte die unterschiedliche Behandlung begriffen und akzeptiert.
An anderer Stelle ist das nicht so einfach. Denn natürlich gibt es die Fälle, wo Ungleichheit tatsächlich ungerecht ist, zum Beispiel, wenn wir an die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen im gleichen Beruf denken. Oft sind Entgelte an die Berufserfahrung geknüpft, an die schiere Anzahl von Jahren, die man
schon in derselben Position arbeitet.
Frauen, die in der Regel die Kinderbetreuung im ersten Lebensjahr übernehmen, haben hier keine Chance, auf dieselbe Anzahl an Jahren zu kommen. Das ist ungleich und ungerecht. Sicher fallen Ihnen noch mehr solcher Beispiele ein.
Gerechtigkeit, das schreiben sich viele, eigentlich alle Parteien auf die Fahne.
Weil es ein menschliches Anliegen ist, durch Generationen und Zeiten hindurch. Auch in der Bibel spielt das Sehnen nach Gerechtigkeit zeitlich gesehen beinahe von Anfang an eine wichtige Rolle. Der Prophet Amos ist
der erste und älteste der Propheten, dessen Worte aufgeschrieben wurden. Er lebte im 8. Jahrhundert vor Christus in Juda, im heutigen Israel. Interessant ist an ihm auch, dass er kein berufsmäßiger Prophet war. Er arbeitete als Schafzüchter und hatte auf diese Weise einen sehr realistischen Blick auf die Welt. Er prangerte die soziale Ungerechtigkeit in seinem Land in seiner Zeit an – da könnte er heute glatt weitermachen! Er prophezeite Heil für diejenigen, die sich an die Gebote Gottes halten und Unheil für jene, die sich nicht darum scheren. „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender
Bach“, fordert er im fünften Kapitel seines Buches. Hier sind Recht und Gerechtigkeit etwas, das die Menschen
durchzusetzen haben. An anderen Stellen der Bibel ist es Gott, auf den die Menschen ihre Hoffnung setzen,
dass er für Recht und Gerechtigkeit sorgen wird. „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.
Die Bilder in dieser Forderung des Propheten klingen kraftvoll, lebendig, urgewaltig. Die Gerechtigkeit ist hier nichts Starres, was immer gleich wäre. Auch nichts, was wir Menschen einfach machen könnten. In diesem Bild ist die Gerechtigkeit in der Welt schon da, wie das Wasser. Es kommt aber darauf an, dass wir Menschen das Strömen von Wasser wie Gerechtigkeit nicht behindern, dass wir beides in guter Weise strömen lassen, nicht abzweigen für unsere eigenen Zwecke.
Das Sehnen nach Gerechtigkeit begleitet die Menschheit also schon lange und bis heute. Das Bild von der Gerechtigkeit als nie versiegender Bach möge uns Hoffnung geben, dass es hier und da gelingen wird, Gerechtigkeit durchzusetzen, und Kraft, an den Stellen, an denen es uns
möglich ist, das Recht strömen zu lassen wie Wasser!