Andachtssplitter V

Herr, wie lange noch? – Eine Schnecke kriecht ihren Weg

Die heutige Kirchenwache verbringe ich mehrheitlich im Kirchgarten hinter der Kirche. Der selbst gebaute und begrünte Sitz in der Sonne, umspielt vom frischen Wind, laden besonders dazu ein. Da sitze ich, lausche den Spatzen, beobachte den Flug des Storches, der zweimal an der Kirche vorbei zieht und lasse meine Augen auf dem hübsch blühenden (Apfel?-) Bäumchen genau in meinem Blickfeld verweilen. Nanu: Eine Schnecke kriecht langsam am Stämmchen empor! Seltsam, noch nicht oft habe ich Schnecken einen Baum hinauf kriechen sehen. Ob sie weiß, was sie am Ende ihrer doch ziemlich langen Reise erwartet? Will sie tatsächlich zu den Blüten? Oder strebt sie einfach in die Höhe? Den höchsten Punkt des Baumes kann sie vermutlich nicht sehen, nicht mit ihren Fühlhörnern wahrnehmen. Trotzdem kriecht die Schnecke scheinbar unbeirrt ihren Weg entlang, immer weiter, immer weiter nach oben. Ob sie sich das fragt: Wie lange noch? Wie lange geht das noch so steil nach oben? Und was mich dort wohl erwartet?

Herr, wie lange noch?, fragt der Psalmbeter in Psalm 13 jedenfalls. Und ich glaube, wir fragen uns das auch: Wie lange geht das noch, dass wir mit den Beschränkungen unseres Lebens kämpfen müssen? Wie lange wird das nun so sein müssen, dass wir uns nur mit einem Menschen außerhalb unseres Haushalts treffen dürfen? Herr, wie lange noch?

Die Schnecke zieht unbeirrt ihre Bahn, ob mit dieser Frage oder ohne. Sie kennt das Ziel ihres Wegs vermutlich nicht, sie weiß nicht, wann sie oben sein wird und wohl auch nicht, wie es dort oben aussieht. Sie lebt im Hier und Jetzt.

Als Schnecke wird niemand von uns gerne bezeichnet. Aber wenn uns diese Frage beschwert: „Herr, wie lange noch?“, könnten wir uns wohl trotzdem ein Scheibchen von ihr abschneiden. Auch wenn wir nicht wissen, wie lange das noch so gehen muss und auch nicht, wie unser Ziel eigentlich aussieht: In der Sonne einen naturnahen Weg entlangkriechen – das ist doch ein Wert an sich! Das Leben in diesen zugegebenermaßen beschränkten Bahnen genießen, den Weg so gut es geht weiter gehen und am Ende mit dem Psalmbeter einstimmen: „Ich aber traue darauf, dass du gnädig bist“ – so können wir nach Schnecken-Art diese Zeiten wohl gut überstehen!

 

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