An(ge)dacht Oktober / November 2026

Mit folgenden Gedanken grüßt Sie Pfarrerin Imke Pursche:

„Der HERR wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ (Jesaja 2,4)

Was löst dieser Vers aus der Bibel in Ihnen aus? Vielleicht einen sehnsuchtsvollen Seufzer: „Wie schön wäre das!“ Ja, es wäre wirklich schön, wenn es Realität wäre, dass die Menschen den Krieg nicht einmal mehr erlernen. Wir wissen, dass das Gegenteil der Fall ist. In Deutschland wird wieder die Wehrpflicht diskutiert. Wir haben uns vielleicht schon fast daran gewöhnt, dass in Europa gegenwärtig gekämpft wird, in der Ukraine nämlich seit 2022 ununterbrochen bis jetzt in diesem Moment. Und diese Bedrohung kommt durchaus näher, denken wir an die Drohnensichtungen der vergangenen Wochen und Monate. Zuletzt war auch eine Drohne mit Sprengstoff beladen dabei. In friedlicher Absicht konnte die nicht zum Leipziger Flughafen geschickt worden sein. Das war ein feindlicher Akt. Wie sieht die angemessene Reaktion auf solch einen feindlichen Akt aus? Wie reagieren wir im Privaten, im Kleinen, wenn wir angegriffen werden, uns angegriffen fühlen? Ein 9jähriger Junge schaute mich einmal an, als verstünde er die Welt nicht mehr, als ich ihn fragte: „Aber warum hast du dich nicht verteidigt?“ Drei Erstklässlerinnen hatten den Jungen in der Pause in eine Ecke gedrängt. Sie wollten den Ball haben, den der Junge als erstes genommen hatte. Er hatte vor, damit zu seinen Freunden zu gehen, um mit ihnen zu spielen. Die Mädchen hatten an ihm gezerrt und ihn geschubst, bis er zu Boden ging (den Ball fest mit beiden Armen umschlungen). Eine Lehrkraft war an diesem Punkt dazu gekommen und hatte die Situation unterbunden. Mir wurde die Szene dann in der Religionsstunde berichtet. Meine Reaktion verwunderte den Jungen: Er dürfe doch keine Mädchen schubsen, Kleinere schon gar nicht. „Aber verteidigen darfst du dich schon, sonst denken die anderen ja, es ist in Ordnung, was sie tun!“, antwortete ich ihm. Eine Diskussion in der Klasse entspann sich, gar nicht unähnlich zu den Diskussionen, die wir in Kirche und Gesellschaft führen, seit die Frage nach Krieg und Frieden wieder in unseren Wohnzimmern angekommen ist.
Auch Theologinnen und Theologen der EKD, der evangelischen Kirche Deutschlands, setzten sich aufs Neue mit dem Thema auseinander und verfassten 2025 eine neue Friedens-Denkschrift mit dem Untertitel: „Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen“. Sie ist online auf www.ekd.de lesbar. Schon im Untertitel wird deutlich, dass am Friedensgebot festgehalten wird. Die Anerkennung staatlicher Schutzpflichten rückt aber angesichts der benannten neuen Herausforderungen in den Vordergrund. Ein Staat hat das Recht und auch die Pflicht, das eigene Land zu verteidigen. Aber wo hört die Selbstverteidigung auf, wo beginnt neue Aggression? Wie lässt sich die dann möglicherweise beginnende Spirale von Gewalt und Gegengewalt stoppen?
Diese Gedanken kannte mit großer Sicherheit auch der Prophet Jesaja, von dem der Bibelvers vom Anfang stammt. Und es ist der Tag des Herrn am Ende der Welt, den er beschreibt, als er von den Schwertern schreibt, die zu Pflugscharen werden. Also nicht die Realität, die früher oder später in der Welt eintreten wird. Er beendet den Abschnitt aber mit dem Aufruf: „Lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“ Etwas von diesem Frieden können wir also sehr wohl umsetzen, jede und jeder von uns und können uns von diesem Licht leiten lassen, an das wir gerade zum Ende des Kirchenjahrs vermehrt denken. Lasst uns wandeln im Licht des Herrn!